Bauchentscheidungen – kann ich mir selbst vertrauen?

bauchentscheidung

Drei Beispiele für ganz unterschiedliche Bauchentscheidungen

Mit den Bauchentscheidungen ist es so eine Sache. In manchen Situationen sind sie „günstig“ und anderen sehr „ungünstig“. Dazu drei Beispiele…

Mirko hat „Bauchschmerzen“

Mirko hat in den letzten zwei Jahren einige wichtige Entscheidungen im Leben getroffen, die er als „Bauchentscheidungen“ bezeichnet: Mit etwas Kapital von seinem Bruder einen IT-Shop eröffnen – „letztlich eine reine Bauchentscheidung“. Die Geschäfte laufen anfangs gut und Mirko leistet sich einen Porsche Cayenne – „mein alter Traum, eine reine Bauchentscheidung“. Nach zwei Jahren hat Mirko allerdings richtige Bauchschmerzen: Er muss Insolvenz anmelden und lebt in einem kleinen Zimmer bei seinem Bruder. Der Porsche ist verkauft und das Geld ist in die Insolvenzmasse geflossen…

Wenn „Bauchentscheidung“ als Schönfärbung für spontane, unüberlegte Entscheidungen herhalten müssen

Mirko ist ein gutes (d.h. schlechtes) Beispiel dafür, wie sich jemand das Entscheiden „aus dem Bauch heraus“ schönredet. Denn in Wahrheit entscheidet er nur unüberlegt, spontan und verantwortungslos. Jede der Entscheidungen hätte einige Überlegungen und Planung bedurft, was im Fall von Mirko auch leicht möglich gewesen wäre. Er hätte sich einen soliden Businessplan erstellen und danach handeln können. Er hätte sich den Porsche und andere Luxusausgaben z.B. erst leisten können, wenn sein Shop die magische Grenze von drei Jahren erfolgreichem Geschäft überschritten hätte.

Intuitive Entscheidungen und die Ergebnisse der Hirnforschung

Intuitiv entscheiden – was ist das eigentlich? Die Hirnforschung hat dazu einige interessante Ergebnisse zu Tage gefördert (vgl. etwa „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ von Gerald Hüther). Vereinfacht gesagt: Wenn eine Entscheidung ansteht, greift das Gehirn auf Muster zurück, die sich im Laufe des Lebens im Gehirn fest „verdrahtet“ haben. Diese Entscheidungsmuster ergeben sich auf Grund von wiederholten Erfahrungen, die sich verfestigt haben. Ärzte, Rennfahrer, Extrembergsteiger, Zollbeamte, Therapeuten, Meisterköche, Automechaniker, erfahrene Unternehmer haben auf Grund ihrer Erfahrungen unbewusste Muster im Gehirn ausgebildet, die sie intuitiv richtig reagieren und entscheiden lassen. Ihr Bauchgefühl sagt ihnen, „dass da etwas nicht stimmt“ oder eben: „Das können wir riskieren“. Sie können sich auf ihre Intuition verlassen, weil die unbewussten Reaktionsmuster auf stabilen Erfahrungen beruhen: Der Zollbeamte, dem ein Passagier „irgendwie komisch vorkommt“ und der sich als Drogenkurier entpuppt oder der Unternehmer, der eine Chance „wittert“, wo andere keine sehen bzw. die Analysen eher eine andere Entscheidung nahelegen – sie liegen meist richtig.

Et hätt noch emmer joot jejange

Auch Mirko hat (wie alle Menschen) solche unbewussten Entscheidungsmuster ausgebildet. Er hat „gelernt“, dass der rheinische Grundsatz „Et hätt noch emmer joot jejange.“ stimmt. Er hat spontan Entscheidungen getroffen, ohne viel zu überlegen und ist damit gut durchs Leben gekommen, auch weil Eltern, Freunde, Familie, Freundin ihm immer wieder aus der Patsche geholfen haben. Dieses Muster wird im Gehirn aktiviert und bestimmt seine Entscheidungen, lange (d.h. einige Millisekunden) bevor er anfängt, seinen Verstand einzuschalten. Dann ist die Entscheidung im Gehirn längst gefallen. Mirko weiß davon jedoch nichts, er bezeichnet sein unbewusstes Entscheidungsmuster als „Bauchgefühl“.

Liz lehnt ein tolles Job-Angebot ab – aus dem Bauch heraus

Liz ist eine erfahrene Personalleiterin. Über einen Headhunter erhält sie ein Top-Angebot in einem anderen Unternehmen. Nach den ersten Gesprächen sieht alles sehr gut aus –gute Position, mehr Geld, nette Kollegen, ein anerkanntes Unternehmen, eine interessante Branche. Aber Liz hat ein ungutes Gefühl. Sie versucht sich selbst zu überzeugen, dass das nur die Angst vor den Neuen ist, dass es keine echten Hinderungsgründe gibt usw. Aber das Unbehagen im Bauch bleibt. Sie beschließt, auf ihr Bauchgefühl zu hören und sagt die Stelle ab.

Das Bauchgefühl als Warnblinkleuchte

In bestimmten Situationen hat das Bauchgefühl eine Warnfunktion. Die mentalen Entscheidungsmuster reagieren mit „Unbehagen“, „etwas liegt uns im Magen“. Das, was wir uns analytisch-rational zurechtlegen, steht im Konflikt mit den intuitiv wahrgenommenen Signalen, die man jedoch oft noch nicht konkret (be)greifen kann. In einem solchen Fall ist es hilfreich, sich Zeit zu nehmen, nochmal die Fakten zu prüfen und dem Bauchgefühl nachzugehen („was macht mich denn so unsicher?“).

Liz „geht in sich“ und merkt, dass der Grund für ihr Unbehagen ist, dass sie fürchtet, in der neuen Stelle viel mehr mit Papierkram und Sitzungen als mit Mitarbeitern zu tun zu haben, das möchte sie „eigentlich“ nicht. Als sie sich das eingesteht, sagt sie das Angebot ab – nicht ohne Wehmut. Zugleich ist es ein Anlass, sich in ihrer jetzigen Firma stärker auf die Personalentwicklung zu spezialisieren.

Besser aus dem Bauch heraus entscheiden als gar nicht

Es gibt Situationen, in denen es gute Gründe sowohl für die eine als auch für die andere Entscheidungsalternative gibt. Auch durch Überlegungen, Analysen, Gespräche lässt sich nicht sicher sagen, was jetzt hier die richtige Entscheidung ist. Dann gilt es, seiner Intuition zu vertrauen und zu entscheiden. Was sagt mir mein Bauchgefühl? Hilfreich ist es dann, zunächst einen ersten Schritt zu tun und dann weiter zu sehen. Denn Entscheidungen können auch wieder rückgängig gemacht werden, wenn sich eine Entscheidung als nicht „günstig“ herausstellt.

Freddy überlegt schon seit langem, den Jakobsweg zu gehen. Er ist jedoch hin und her gerissen. Denn einerseits ist das ein alter Traum von ihm. Andererseits weiß er nicht, wie er das als Familienvater finanzieren soll, ob er das überhaupt körperlich schafft und ob es wirklich das bringt, was er sich davon erträumt. Endlich entscheidet er sich, seinem Bauchgefühl zu folgen. Er beantragt unbezahlten Urlaub, verkauft schweren Herzens sein Motorrad, bucht Flüge, plant eine Wanderroute, lässt sich von anderen Jakobspilgern beraten, leiht sich ein Teil der notwendigen Ausrüstung und fliegt los. Von Tag zu Tag entscheidet er, ob er weitergeht oder das Ganze beendet. Als er sich nach vier Wochen erschöpft und mit total verpflasterten Füßen auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago de Compostella setzt, kommen ihm die Tränen der Erleichterung und der tiefempfundenen Freude.

Mit den Bauchentscheidungen ist das also so eine Sache!
Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

 
 
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Ein Gedanke zu „Bauchentscheidungen – kann ich mir selbst vertrauen?“

  1. Vielen Dank für das Teilen von Wissen. Die gut verständlichen Beispiele der komplexen Zusammenhänge bei der Entscheidungsfindung sind gut nachvollziehbar. Die Beiträge laden zum Nachdenken ein und vor allem zur Selbstreflexion. Nur durch diese kann ich mein Verhalten verändern und die kommenden Entscheidungsmöglichkeiten gut abwägen.
    Liebe Grüsse,
    Katja Stroh

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