Entscheidung treffen – Bereichsleiter oder Künstler?

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Fred ist erfolgreicher Abteilungsleiter in einem großen IT-Unternehmen. Jetzt wird ihm überraschend die Stelle eines Bereichsleiters angeboten. Das ist ein mächtiger Karriereschritt und ein damit verbundener Gehaltssprung inkl. Dienstwagen. Doch Fred zögert. Die Arbeit macht ihm Freude – aber zu welchem Preis? Im letzten Jahr hat er seinen ganzen Rest-Urlaub genutzt, um heimlich in einer Spezialklinik die Symptome eines massiven Burnouts zu behandeln. In der ersten Zeit danach lief alles gut. Aber nach einigen Monaten war er wieder im gleichen Trott wie vorher. Seine Frau Ulrike ist oft verzweifelt und enttäuscht, dass er schon wieder zuhause nur teilnahmslos herumhängt oder für die Firma arbeitet. Wenn er an sein Büro denkt, an den Aufgabenwust, den Erfolgsstress und an einige „schwierige“ Mitarbeiter, wird Fred schon sonntags nachmittags flau im Magen.
So kann das nicht weitergehen.

Die Anfrage bezüglich der Bereichsleitung löst bei Fred ein ernsthaftes Nachdenken aus: Was will ich mit meinem Leben machen? Er weiß: Wenn ich in meiner Stelle bleibe, sogar noch mehr Verantwortung übernehme, geht das an die Substanz. Wie lange kann ich das durchhalten? Es gibt eine Alternative, die Fred immer gereizt hat: Als Bildhauer zu arbeiten. Nebenbei hat er sich über die Jahre das notwendige Handwerkszeug erarbeitet. Immer wieder wurde ihm dabei seine künstlerische Begabung bestätigt.
Aber kann er tatsächlich so einfach „aussteigen“? Ist das nicht verantwortungslos? Nur eine Spinnerei in der Midlife-Krise? Kann er Ulrike zumuten, in den ersten Jahren finanziell für die Familie zu sorgen, während er seinen „Spinnereien“ nachgeht und vielleicht irgendwann Geld mit seiner Kunst verdient (oder wahrscheinlicher: nie)? Was werden die Kollegen und Freunde denken? Sie werden ihn sicher als Versager ansehen oder als dumm, sich eine einmalige berufliche Chance entgehen zu lassen?

Fred spinnt?

Fred entschließt sich, Coaching in Anspruch zu nehmen. Dabei erarbeitet sich Fred nach und nach wichtigen „Baustein“ für eine Entscheidung zum „Umstieg“.

1. Das Ziel wird klar

Mit Hilfe der eines ungewöhnlichen Entscheidungstools traut er sich, sein Ziel klar zu formulieren: Ich will eine andere Seite meiner Persönlichkeit entwickeln, die bisher brach gelegen hat – nämlich als Bildhauer Kunst zu machen.

2. Ein Wendepunkt steht an

Fred spürt, dass er an eine Art Wendepunkt in seinem Leben gekommen ist. Für solche Wendepunkte im Leben hat der Schweizer Psychotherapeut Jürg Willi einen kleinen Leitfaden entwickelt, um zu einer Entscheidung zu kommen:

Acht hilfreiche Fragen – notwendige Entwicklungsschritte

1. Nachdem in meiner Lebensgestaltung meine bisherige Leitidee war…
Fred: Bisher war meine Leitidee: Im Beruf anerkannt sein und vorwärtskommen, Verantwortung zu übernehmen, einen gewissen Lebensstandard sichern,

2. ...sind Veränderungen eingetreten…

Fred: Ich habe mich überfordert und bin krank geworden,

3. ...die eine anstehende Entwicklung erfordern…
Fred: Ich muss etwas anderes machen; in dem Bestehenden falle ich immer wieder in die alten Verhaltensmuster zurück. Ich will die künstlerische Seite in mir entwickeln.

4. Diese Entwicklung wird erschwert durch persönliche Faktoren…
Fred: Ich möchte mich nicht einfach so aus der Verantwortung stehlen und habe starke Bedenken und Zweifel.

5. Zusätzlich wird sie erschwert durch situative Umstände…
Fred: Meine Frau müsste auf eine Vollzeitstelle gehen und für den Unterhalt für die Familie sorgen. Wie wird das für den 13-jährigen Sohn sein?

6. Sie wird erleichtert durch persönliche Faktoren…
Fred: Ich bin entschlossen, einen Umstieg zu machen.

7. Zusätzlich wird Sie erleichtert durch situative Umstände…
Fred: Das Angebot einer Beförderung zwingt zu einer Entscheidung.

8. Es steht jetzt der Entwicklungsschritt an…
Fred: Ich muss über den Umstieg mit Ulrike und danach mit meinem Vorgesetzten sprechen.

3. Günstig oder ungünstig für meine Ziele?

Fred wird mit der Frage konfrontiert: „Welche Entscheidung und welches Handeln ist eher ´günstig´ oder eher ´ungünstig´ für Ihre Ziele?“ (vgl. dazu das Beispiel von Luise zum Unterschied zwischen richtig/ falsch vs. günstig / ungünstig)

Die Frage macht ihm sehr zu schaffen.

Als ungünstig erweist es sich, wenn Fred einen radikalen Schnitt macht und sofort kündigt. Als günstig erweist es sich dagegen, wenn er mit seinem Arbeitgeber aushandelt, dass er auf jeden Fall noch ein Jahr bleibt und die bestehenden Projekte zum Abschluss bringt. Zugleich kann er dabei einen Nachfolger einarbeiten. Die anfallenden Überstunden und alte Urlaubsansprüche kann er sich dann auszahlen lassen, so dass ein gewisses finanzielles Polster für einen Umstieg geschaffen wird. Bisher hat Fred in der Firma noch nichts über seine Ziele verlauten lassen.

Absolut günstig ist es für die Entscheidung, wenn Ulrike seinen Schritt mitträgt und entscheidend für das Familieneinkommen sorgt. Fred hat sich bisher nicht getraut, diese Frage anzusprechen.

4. Kluger Umstieg

Fred lernt die Prinzipien der Effektuation für seinen Umstieg in ein Künstlerleben kennen: Prinzipien einer Selbständigkeit. Er kann diese Prinzipien sehr gut für seinen Umstieg anwenden, auch wenn er kein neues „Geschäft“ aufbauen will.

Prinzip 1: Sich an den vorhandenen Ressourcen orientieren
Sich nicht von  Zielen, Businessplänen, Maßnahmenkatalogen und Checklisten leiten lassen, sondern von den vorhandenen Mitteln: Was bin ich, was kann ich, wen kenne ich, was kann/muss ich noch lernen? Was steht mir jetzt zur Verfügung und was kann ich damit machen?
Prinzip 2: Nur leistbare Verluste einkalkulieren
Wie viel ist mir das Risiko wert? Was kann ich mir an Verlusten realistischer Weise leisten, ohne alles zu verlieren, was mir wichtig ist. Dabei sollte man sich nicht von möglichen (immer ungewissen) Ertragsaussichten blenden lassen. Man/frau geht ein Risiko ein. Aber mit einem Einsatz, der leistbar erscheint. Nicht wer wagt, gewinnt – sondern wer so viel wagt, dass er gewinnen, aber auch verlieren kann. Wenn diese Grenze erreicht ist, muss umgesteuert werden – das heißt die Kreativität wird aktiviert, um Alternativen zu suchen.
Prinzip 3: Umstände und Zufälle nutzen
Statt stur einem vorgefassten Plan zu folgen, ist es erfolgversprechender, Zufälle, Ungeplantes und unerwartete Begegnungen zu nutzen. Kaum ein „Umsteiger“, der nicht von „glücklichen Fügungen“ oder „zufälligen Begegnungen“ zu berichten weiß, die zu einem späteren Erfolg geführt haben. Prinzip 3 besagt, diese veränderten Umstände und Zufälle zu seinen Gunsten zu nutzen.
Prinzip 4: Kontakte nutzen und Partnerschaften knüpfen
Wer umsteigt, hat etwas zu bieten, hat aber auch vieles nötig. Es gibt nun andere, die genau die Mittel nötig haben, die ich zu bieten habe und dabei das haben, was ich notwendig brauche. Das ruft geradezu nach Kooperation, Vereinbarungen, Partnerschaften und gemeinsamer Nutzung von Ressourcen. Häufig machen erst diese Möglichkeiten einen Umstieg leistbar.

Fred macht ernst

Zunächst spricht er mit Ulrike. Es stellt sich heraus, dass sie gerne bereit ist, mehr zu arbeiten. Ab nächstem Jahr ist eine Stundenaufstockung problemlos möglich, verbunden mit einer besseren Stelle. Sie hat Verständnis für Fred und wird seinen Umstieg mittragen. Denn sie sieht, wie sehr die Situation auf ihm lastet. Er braucht etwas anderes, auch wenn es die finanziellen Möglichkeiten der Familie deutlich einschränkt.
Fred wird dann im Gegenzug das Kochen und Einkaufe übernehmen und sich verstärkt um den 13 jährigen Sohn kümmern. Er braucht dringend Hilfe in der Schule; bisher hat sich Ulrike darum gekümmert.

Sein Vorgesetzter hat zunächst überhaupt kein Verständnis für seinen Schritt. Er malt ihm in düsteren Farben aus, welche Konsequenzen das für seine Karriere und sein Leben hat. So etwas sei doch absolut unverantwortlich! Das mit der Kunst könne er doch immer noch als Hobby betreiben! Als er merkt, dass Fred es ernst meint, einigen sie sich auf den Vorschlag von Fred (s.o.).

Zuletzt nimmt Fred wieder mit dem Bildhauer Kontakt auf, bei dem er einige Kurse gemacht hat. Der vermittelt ihm den Kontakt mit einem Steinmetz in seiner Nähe. Für den Anfang könnte er dort einen kleinen Platz und einige größere Werkzeuge nutzen…

 
 

Handelt Fred unverantwortlich? Ist er ein Spinner? Wie hätten Sie an seiner Stelle gehandelt?

 
 
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