Entscheidungen treffen – bin ich entscheidungslahm!?

Entscheidung trefen
Fotonachweis: sianais / photocase.de

Selbstbezichtigungen und Selbstvorwürfe

Emily bezeichnet sich als entscheidungslahm, unentschlossen, feige; sie habe keinen Mut, überließe Entscheidungen lieber ihrem Partner. Sie sage bei Entscheidungen erst zu, dann wieder ab und dann doch wieder zu, usw. Sie habe Panik, sei oft zwischen den Entscheidungsalternativen hin und her gerissen, könne gar nicht mehr denken, sei blockiert, alltagstot. Anderen gegenüber sei dies unfair, das wisse sie, sie fühle sich deswegen oft schlecht. Konkret geht es darum, mit dem Partner eine größere Wohnung zu kaufen (eine einmalige Chance) oder in der bisherigen Wohnung zu bleiben. Sie kann sich einfach nicht entscheiden, einen Notartermin hat sie schon einmal kurzfristig platzen lassen, heute denke sie so, morgen so; ihr Umfeld halte sie schon für komplett verrückt…

Was ist mit Emily los: Depression oder Dramatisierung?

Alternative 1: Symptome einer Depression?

Die Selbstabwertung von Emily kann mit einer Depression zu tun haben. Heute ist es anerkannt, dass eine Depression eine Stoffwechselerkrankung ist, die medikamentös und therapeutisch behandelt werden muss und kann – in der Regel mit gutem Erfolg. Der Diplom-Psychologe Dr. Rolf Merkle nennt einige Symptome, die für eine Depression typisch sind:

“Das auffälligste Merkmal einer Depression ist das negative und pessimistische Denken. Die Gedanken kreisen fast unentwegt in negativer Weise um die eigene Person, die Mitmenschen, die Vergangenheit und die Zukunft.
Depressive Menschen quälen sich mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Sie haben ein sehr negatives Bild von ihrer Person und betrachten ihre Depressionen als ein persönliches Versagen.

Ein depressiver Mensch tut sich schwer, einfachste Entscheidungen zu treffen, weil er
sich unsicher ist, welches die richtige Entscheidung ist und Angst hat, einen Fehler zu machen.

Dies führt dazu, dass Betroffene lange über sich und ihr Verhalten grübeln. Die Grübelgedanken kreisen oft um das immer wieder gleiche Thema: um das eigene Unvermögen und die Aussichtslosigkeit.“
(aus http://www.palverlag.de/depressionen-symptome.html

Der erste Schritt bei einer Depression ist einfach: Sich bei einem Psychotherapeuten Hilfe holen.

Alternative 2: Dramatisierung der eigenen „Entscheidungsschwäche“.

Es könnte sein, dass Emily sich sehr wohl längst entschieden hat. Sie traut sich jedoch nicht, zu dieser Entscheidung zu stehen, weil sie die Enttäuschung, den Widerstand oder das Unverständnis des Partners / der Familie / der Freunde fürchtet. Deshalb dramatisiert sie lieber ihre Entschluss-Unfähigkeit und stellt sich als „entscheidungsunfähig“ dar. Tatsächlich hat sie längst innerlich eine Entscheidung getroffen. Sie vertritt diese Entscheidung jedoch nicht, weil sie die negativen Reaktionen fürchtet. Die eigene Entschluss-Unfähigkeit in starken Worten („feige“, „alltagtot“) und Taten (Absagen im letzten Augenblick, ständiges Hin-und Her) zu kultivieren, ist eine sehr wirksame Strategie, die eigene Entscheidung durchzusetzen, ohne sich gegenüber dem persönliche Umfeld positionieren zu müssen und Auseinandersetzungen konstruktiv austragen zu müssen. Sich als „entscheidungsschwach“ darzustellen, ist eine starke Möglichkeit derer, die Konflikten aus dem Wege gehen wollen. Zu Risiken und Nebenwirkungen frage man jedoch sein Selbstwertgefühl und sein persönliches Umfeld! Denn wer mit der dramatischen Selbstabwertung in der Vergangenheit Erfolg gehabt hat, verlernt andere Möglichkeiten, die weniger destruktiv für das eigene Selbstwertgefühl und für die Beziehung zu anderen sind.

Emily ist entscheidungsstark!

In einem Gespräch lässt sich Emily auf ein kleines Experiment ein:
„Stellen Sie sich vor, Sie wären entscheidungsstark und mutig, welche Entscheidung würden Sie dann ganz spontan innerhalb von drei Sekunden treffen.“
Die Augen von Emily leuchten kurz auf, dann sagt sie leise: „Ich würde in unserer jetzigen Wohnung bleiben und die schöner einrichten. Da fühle ich mich wohl.“ Als sie mit einem ´Aber…´ den Satz fortsetzen will, wird sie unterbrochen mit dem Kommentar: Sie sind ja in Wirklichkeit richtig entscheidungsstark! Herzlichen Glückwunsch. Was können Sie denn tun, um Ihren Partner und Ihre Familie von dieser Entscheidung zu überzeugen? Welche Gegenargumente erwarten Sie? Was können Sie dem entgegen halten? Wie können Sie ihre Entscheidung attraktiv vertreten? Was könnte Ihren Partner dazu bewegen, dieser Entscheidung zu zustimmen?

 
 
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