Freiheit und Toleranz in der Partnerschaft – wie weit kann ich gehen?

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Fotonachweis: mackerin /photocase.de

Es gibt viele Gründe, warum Partnern eine langfristig stabile und erfüllende Partnerschaft gelingt. Ein Aspekt zieht sich dabei durch alle Erfahrungsberichte, Beziehungs-Ratgeber und die wissenschaftliche Erforschung von Paarbeziehungen: Langfristig glücklichen Paaren ist es gelungen, eine für sie passende Balance von

  • Nähe, Vertrautheit , Toleranz, Zurückstecken und
  • Distanz, Eigenständigkeit, Selbstentfaltung

zu finden.

Ein ständiger Balance-Akt

Die Balance von Freiheit und Bindung, von Nähe und Distanz zu finden, ist ein fortwährender Balanceakt. Am Anfang einer Beziehung steht oft die Suche nach Nähe, Vertrautheit und Zusammensein im Vordergrund. Dabei kann es sein, dass es einem oder beiden Partnern schwerfällt, sich dem Partner wirklich anzuvertrauen. Oder genau umgekehrt: Ein Partner sucht ständige Nähe und bedrängt dadurch den anderen. Paare bleiben zusammen, wenn sie eine für beide befriedigende Balance von Nähe und Eigenständigkeit finden.

Wenn die Beziehung vorangeschritten ist, ergibt sich mehr Raum zur persönlichen Selbstentfaltung.
Das gegenseitige Vertrauen ist gewachsen, so dass es keine Bedrohung der Beziehung ist, wenn einer oder beide Partner mehr Eigenständigkeit suchen: Eigene Freunde, die eigene Familie, eigene Interessen und ein Eigen-Leben werden wieder wichtiger.
Dann müssen Paare für ihre bis dahin „ausgewogene“ Beziehung eine neue Balance von Nähe und Distanz, von Selbstverwirklichung und Rücksicht auf den Partner finden.

Bin ich rücksichtslos und egoistisch?

Felix ist mit Alina seit 8 Jahren zusammen. Sie haben zwei Kinder. Beide sind voll berufstätig. Als die Kinder noch ganz klein waren, haben sie zumindest einen Abend pro Woche gemeinsam etwas unternommen und sich dafür einen Babysitter geleistet. Seit dem letzten Jahr haben sie auf Drängen von Aline ein anderes Arrangement verabredet: Jeder hat einen Abend in der Woche für sich, während der andere zu Hause bei den Kindern bleibt. Felix geht an diesem Abend in seinen alten Tanzclub und hat Spaß, wieder Tuniertanz zu trainieren – wofür Alina keinen Sinn hat. Er verschweigt Alina, dass er dort seine Ex-Freundin Sonja als feste Tanzpartnerin hat. Beide waren früher (vor der Beziehung mit Alina) ein richtig gutes Tanzpaar. Und er weiß, dass Alina immer noch (grundlos) eifersüchtig auf Sonja ist. Er merkt, wie ihm das Tanzen gefehlt hat. Und das macht ihm zu schaffen:
Muss ich Alina davon erzählen, sie ist doch immer so eifersüchtig auf Sonja, obwohl es keinen Grund gibt? Muss ich auf das Tanzen verzichten, weil das Alina verletzten könnte? Wie weit muss ich auf Alina Rücksicht nehmen? Wie weit kann ich meine Freiheit nutzen? Muss ich die übersteigerte Eifersucht von Alina auf Sonja so akzeptieren, auch wenn es mir das ganze Tanzen verleidet?

Entscheidungskriterium: Günstig oder ungünstig

Was ist richtig? Was ist falsch?
Hier kann es hilfreich sein, die Entscheidungsfrage anders zu stellen:
„Welche Entscheidung ist ´günstig´ bzw. ´ungünstig´ für meine Ziele?“
Oder anders gefragt: Was will ich und welche Entscheidung wird mir eher helfen, meine Ziele zu erreichen (und welche Entscheidung eher nicht)?

Felix hat eine Reihe von Handlungsalternativen:

  • Er kann weiterhin zum Tanzen gehen und Alina nichts von Sonja erzählen
  • Er kann Alina von Sonja erzählen und die Tanzpartnerschaft beenden
  • Er kann auf seiner Freiheit bestehen und von Alina erwarten, dass sie die Tanzpartnerschaft mit Sonja akzeptiert.
  • Er kann eine erneute Diskussion mit Alina darüber führen, dass ihre Eifersucht unbegründet ist.

Drei einfache Klärungsfragen

Wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, die für die eigenen Ziele im Augenblick günstig sind, helfen drei Fragen weiter.

1. „Was will ich in meiner gegenwärtigen Lebenssituation 
bzw. was ist in der jetzigen Situation mein vorrangiges Ziel?“

Felix tut sich mit dieser Frage schwer; schließlich notiert er sich: ´Ich will, dass ich der nächsten Zeit eine Sache für mich mache, die mir wirklich Spaß macht.´

2. „Welche Entscheidung ist dafür günstig/hilfreich?“

Hier zögert Felix nicht: ´Ich trainiere wieder regelmäßig Tuniertanz mit meiner alten Tanzpartnerin Sonja´.

Ausgesprochen und unausgesprochen steht jedoch die Frage im Raum, welche Folgen das für die Partnerbeziehung mit Alina hat. Es geht dann um die Frage:

3. „Welche Entscheidungen sind ungünstig für die Zielerreichung?“

Felix weiß, dass er keinen Spaß am Tanzen hat, wenn er Alina nichts von Sonja erzählt. Irgendwann wird sie das doch erfahren und sich (mit Recht) hintergangen fühlen.
Und Alina würde sich auf jeden Fall von ihm trennen, wenn die Beziehung zu Sonja über das Tanztraining hinaus gehen würde.

Die Frage nach “günstig/ungünstig” erleichtert Entscheidungen

Die Frage nach „richtig oder falsch“ führt oft in einen Sackgasse.
Eine Entscheidung fällt dann schwer. Die Frage nach „günstig und ungünstig“ dagegen klärt und aktiviert Lösungen.

Bevor Felix das nächste Mal zum Tanzclub geht, erklärt er Alina, dass er jetzt mit Sonja als Tanzpartnerin das Training wieder aufgenommen hat. Er macht auch deutlich, dass sich die Angelegenheit mit Sonja nur auf das Tanzen bezieht. Er möchte auf jeden Fall mit Alina zusammenleben und ihr treu bleiben. Alina ist zunächst verunsichert. Sie entschließt sich aber, Felix zu vertrauen. Sie sieht, wie viel Freude ihm das Tanzen macht…

Wie würden Sie entscheiden?
Glauben Sie, dass die getroffene Entscheidung günstig für die Beziehung von Felix und Alina ist?

 
 
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3 Gedanken zu „Freiheit und Toleranz in der Partnerschaft – wie weit kann ich gehen?“

  1. Selbstentfaltung ist sehr wichtig für den Bestand einer Beziehung; Ehrlichkeit auch.
    Deshalb : eine klare Ansage zur Tanzpartnerin; die Lebenspartnerin sollte das akzeptieren.
    Ihr Partner kann ihr dabei helfen, indem er durch entsprechendes Verhalten auf einer
    anderen Ebene seine Zugehörigkeit/Zugewandtheit „untermauert“.

  2. Aline hat vorgeschlagen, das Arrangement zu ändern. Sie wollte offensichtlich für sich mehr Freiraum, was mit einbezieht, dass auch Felix mehr Freiraum bekam. Man darf vielleicht auch davon ausgehen, dass sich ihre ursprüngliche Einstellung etwas geändert hat. Es tut der Beziehung sicher gut, dass beide wieder etwas mehr für sich tun..,.

  3. Ich finde, das Arrangement ist vorerst eine gute Lösung, Man wird sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Denn zwischen einer Kopfentscheidung dem gelebten Alltag ist ein großer Unterschied. Das Ganze ist jedenfalls eine Dreiecksbeziehung, auch wenn es „nur“ tanzen ist und als solche birgt sie sicher einige Dynamik in sich. Es wird auch davon abhängen, wie sehr Felix seine Frau an seinem Erleben teilhaben läßt und dass sie sich nicht vernachlässigt fühlt, wenn er so viel Spaß mit einer anderen hat. Er wird also vielleicht seiner Frau mehr Aufmerksamkeit entgegen bringen müssen.

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