Entscheidung: Kind und Beruf – wie soll ich das schaffen?

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Kein Entweder-Oder

Viele Frauen sehen sich vor die Entscheidung gestellt, ob sie ihren Beruf zugunsten eines Kindes aufgeben sollen, solange das Kind / die Kinder klein sind. Dies ist heute keine Entweder-Oder-Frage mehr. Vielmehr gibt es ein breites Spektrum von Möglichkeiten, wie eine Lösung für diese Frage gut gelebt werden kann. Keine dieser Entscheidungen ist heute auf jeden Fall „gut“ oder per se „schlecht“.

Vier wichtige Erkenntnisse: Das Zeitalter der „Rabenmütter“ ist vorbei

Bis in die 90er Jahre galten Frauen, die Beruf und Elternschaft verbinden wollten, oft noch als „Rabenmütter“, die um den eigenen Berufs-Egoismus zu stillen, ihre Kinder vernachlässigen. Heute weiß man, dass nicht die ständige Anwesenheit der Mutter das Entscheidende für Kinder ist. Vielmehr spielt die Zufriedenheit der Mutter mit ihrer Situation in der Familie eine wichtige Rolle. Mütter, die „zwangsweise“ zuhause sind, obwohl sie lieber auch arbeiten würden, schaffen für ihre Kinder ungünstigere Entwicklungsvoraussetzungen als Mütter, die gerne einem Beruf nachgehen und gerne mit ihren Kindern zusammen sind. Gleiches gilt auch umgekehrt: Viele Mütter müssen arbeiten( um zum Familieneinkommen beizutragen), obwohl sie lieber zuhause bei den Kindern wären.
Dazu haben vier Erkenntnisse beigetragen, die durch Studien belegt sind.

Erkenntnis 1:
Wie eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegen konnte, sind Kinder berufstätiger Mütter seelisch gesünder. Die Studienleiterin Heike Hölling fasst das Resultat so zusammen: „Wenn die Mütter nur zu Hause sind, haben ihre Kinder ein 3,1-fach erhöhtes Risiko, psychisch auffällig zu werden.“ Wahrscheinlich ist dieser Zusammenhang unter anderem einfach auf die höhere Lebenszufriedenheit und eigene psychische Stabilität der berufstätigen Mütter zurückzuführen.

Erkenntnis 2:
Berufstätige Mütter (und hier interessanterweise die Vollzeit-Berufstätigen, noch mehr als die Teilzeit-Berufstätigen) sind insgesamt zufriedener mit ihrem Leben als Nur-Hausfrauen – obwohl sie teilweise von Überforderung und Zeitmangel sprechen.

Erkenntnis 3:
Die Studie von Röhr-Sendlmeier zeigt“: „Zufriedene Mütter erziehen, wie unsere Untersuchungen zeigen, demokratischer und weniger autoritär als unzufriedene. Das wiederum schafft bei Kindern ein höheres Selbstwertgefühl.“

Erkenntnis 4:
Berufstätige Mütter sind ideale Vorbilder für ihre Kinder in Sachen Organisation, Arbeitshaltung und Arbeits-(bzw. Lern-)Strategien. Die Kinder schauen sich einfach ganz nebenbei von ihnen ab, wie man verschiedene Aufgabenbereiche im Leben optimal managt und lernen, dass das nicht nur möglich ist, sondern sogar Spaß macht.

Auf der Basis dieser Erkenntnisse lassen sich jungen Frauen heute nicht mehr von einem schlechten Gewissen leiten, sondern nutzen eine der vielen Möglichkeiten zur Gestaltung von Mutterschaft und Beruf – zum Wohl des Kindes und der Familie, wenn es selbstgewählt ist und zu Zufriedenheit führt.

Die erste Entscheidungsfrage

Die erste Entscheidungsfrage lautet deshalb:
Welche Lösung macht mich am ehesten zufrieden? 
Mit welcher Gestaltung von Beruf und Kinder/Familie kann ich am besten leben?

Frauen, die ihre Entscheidung entsprechend treffen, schaffen die besten Voraussetzungen für eine gute Entwicklung ihrer Kinder.

Fünf Beispiele für Gestaltungsmöglichkeiten

Angela

Angela ist einige Wochen nach der Geburt ihres Kindes wieder in die Firma gegangen; sie hat eine leitende Stellung und wird für ein Projekt dringend gebraucht. Ihre Arbeitszeit hat sie jedoch reduziert und kann teilweise auch zuhause arbeiten. In der Zeit, in der Angela im Betrieb ist, sorgen eine Tagesmutter und ihr Lebenspartner (der selbständig ist und von zu Hause aus arbeitet) für die kleine Sonja, bis sie in die Kinderkrippe kommt.

Johanna

Johanna ist mit ihrer Arbeitssituation total unzufrieden; statt im Büro zu hocken, wäre sie lieber bei ihrem Kind. Da die Familie aber auf ihr Einkommen angewiesen ist, wird sie begeisterte Tagesmutter von drei weiteren Kindern (neben ihrem eigenen Tobias) von berufstätigen Müttern aus der Umgebung.

Yvonne

Yvonne ist alleinerziehende Mutter; kurz vor der Geburt hat sich der Vater mit einer anderen Frau „vom Acker gemacht“. Sie handelt mit ihrem Arbeitgeber aus, dass sie spätestens nach einem Jahr wieder zurück in ihre alte Stelle kommt, da sie sonst den fachlichen Anschluss verliert (als Steuerfachfrau). Sie bemüht sich sofort um einen Kita-Platz, der dann zugesagt wird, wenn das Kind 1 Jahr alt ist. Als ihr nach einigen Monaten die Decke auf den Kopf fällt, fängt sie nach und nach an, sich über die ständigen Veränderungen im Steuerrecht auf dem Laufenden zu halten. Ab und zu übernimmt sie auch einige Aufgaben in Heimarbeit. Zu einer echten Krise kommt es, als die Kita ihr den zugesagten Platz nicht zur Verfügung stellen kann. Jetzt beginnt die Zeit des Organisierens und Improvisierens. Eltern, Tagesmutter, Freundinnen, verständnisvoller Arbeitgeber und eine starke Energieleistung helfen Yvonne, das halbe Jahr zu überbrücken, bis der kleine Martin in die Kita kommt. Dort fühlt er sich sehr wohl, weil er viel mit anderen Kindern zusammen ist und nicht als Einzelkind aufwächst. Und er freut sich riesig, wenn Yvonne ihn um 15 Uhr nach dem Mittagschlaf abholt. Und Yvonne natürlich auch.

Charlotte

Charlotte arbeitet in der Sparkasse, Jens ist Altenpfleger. Als ihr erstes Kind Julian zu Welt kommt, stellt sich heraus, dass er behindert ist und in den ersten Jahren ständige Betreuung braucht. Das wirft die gesamten Pläne der beiden über den Haufen. Charlotte und Jens arbeiten nur noch halbtags, sie vormittags, er arbeitet nur Spätschicht (großzügiges Entgegenkommen seines Teams). Die Überschneidung von einer Stunde in der Mittagszeit übernimmt die Mutter von Jens oder eine Nachbarin… Für beide bedeutet das, auf ein Weiterkommen im Beruf zu verzichten (Charlotte war auf dem Sprung zur Abteilungsleiterin, Jens musste von seiner gerade begonnenen Wohnbereichsleitung zurücktreten. Aber wenn sie dann den kleinen Julian sehen, ist das alles vergessen…

Viola

Viola macht sich über die Zukunft gar keine Gedanken: „Erst mal kommt das Kind, dann sehen wir weiter“. Ihr Mann Rene wird auf jeden Fall seine volle Stelle als Vertriebsleiter weiter machen. Sie ist Grafikerin in einem Design-Studio. „Wenn alles mit dem Kind gut geht, gehe ich wieder arbeiten, wenn nicht, wird sich schon eine Lösung finden. Irgendetwas kann ich immer machen und wenn ich das Kind mit ins Büro nehme, muss das auch gut sein. Oder ich gestalte freiberuflich Plakate…“

Die zweite Entscheidungsfrage

Die zweite Entscheidungsfrage lautet:
Liebe ich mein Kind und meinen Beruf beide so sehr, dass ich dafür bereit bin, viel Organisationsarbeit zu leisten

Die vielen Beispiele, wie Frauen Berufstätigkeit und Kinderwunsch verbinden, zeigt eines sehr deutlich: Die gewählte Lösung muss wirklich gewollt sein. Denn es werden hohe Anforderungen an die Organisation/Zeitplanung, an die Improvisation, an die Flexibilität, an die Hilfe durch Organisationen, Freunde, Familien gestellt. Ständig müssen Pläne umgestoßen, neue Lösungen gefunden und Kompromisse gesucht werden. Das kann an die Substanz gehen. Und es kann sehr befriedigend sein, wenn eine Frau bzw. ein Paar beides wirklich liebt – ihr Kind und ihren Beruf.

Wie haben Sie die beiden Entscheidungsfragen für sich beantwortet?
Welche Erfahrungenhaben Sie damit gemacht?

 

Weiterführende Links

Wissenschaftliche Untersuchungen
Studie Prof. Dr. Röhr-Sendlmeier Universität Bonn
Zusammenfassung der Ergebnisse

Das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat eine sehr informative, aktuelle Website zu den gesetzlichen Bestimmungen und Regelungen rund um die Familie aufgebaut (Familien-Wegweiser). Hier daraus einige hilfreiche Links zu den angesprochenen Themen:
Elternzeit
http://www.familien-wegweiser.de/wegweiser/stichwortverzeichnis,did=40002.html
Elterngeld
http://www.familien-wegweiser.de/wegweiser/service,did=75670.html
Kinderbetreuung für Kinder unter 3 Jahren
http://www.familien-wegweiser.de/wegweiser/stichwortverzeichnis,did=38652.html
Tagesmütter / Tagesväter
http://www.familien-wegweiser.de/wegweiser/stichwortverzeichnis,did=70072.html
Kindergeld
http://www.familien-wegweiser.de/wegweiser/stichwortverzeichnis,did=39986.html

 
 
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Das Titelbild ist ein Foto von simonthon / photocase.com und zeigt keine im Artikel erwähnte Person
 
 

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