Entscheidung – Die Beziehung geht zu sehr auf meine Kosten!

Auf meine Kosten
Manchmal hat in engen Beziehungen (Freundschaften, Paarbeziehungen, Familienbeziehungen…) einer oder mehrere der Beteiligten das Gefühl, dass die Beziehung auf seine/ihre Kosten gelebt wird (und das ist dann nicht nur finanziell gemeint). Geben und Nehmen stehen nicht mehr in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Wie soll man sich dann entscheiden?

Kosten-Nutzen-Rechnung in der Paarbeziehung – ein absurder Gedanke?!

In der letzten Ausgabe der ZEIT (No. 13 vom 20.3.2014) rät Controlling-Professor Jörg Kühnapfel Paaren, ihre Situation bewusst einer Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen. „Jeder Betriebswirt kennt z.B. die Nutzwertanalyse. Dabei wird genau ermittelt, welcher Nutzen für die Zukunft von einer bestimmten Investition zu erwarten ist. Auch bei der Partnerwahl wägen wir Kosten und Nutzen gegeneinander ab, um zu entscheiden, ob wir eine Beziehung eingehen oder fortsetzen wollen. Wir sollten das bewusst tun. Stattdessen machen wir uns oft etwas vor.“
Zunächst erscheint es absurd, in einer vertrauten Beziehung Kosten und Nutzen gegeneinander aufzurechnen: Ist allein schon der Gedanke daran nicht ein Alarmzeichen? Ist das „Aufrechnen“ nicht schon der Anfang vom Ende einer vertrauten Beziehung? Bedeuten Vertrauen und Liebe nicht, dass die Partner / Eltern / Freunde gerade nicht den persönlichen Nutzen optimieren wollen?

Das Kosten-Nutzen-Rechnen verträgt sich offensichtlich nicht mit Vertrauen, Liebe, Treue und langfristigen Beziehungen. Oder doch?

Jedes Handeln hat für eine Person einen eigenen Wert

Prof. Fritz Simon von der Universität Witten-Herdecke hat beschrieben, wie jedes menschliche Handeln immer auch ein Tauschhandel ist: Ich gebe etwas, dafür bekomme ich etwas.
Simon geht davon aus,

  • dass sich jeder Mensch immer und überall ökonomisch rational verhält; auch wenn dies von außen betrachtet nicht so erscheint.
  • Denn jeder bewertet sein eigenes Verhalten und das von anderen nach einem ganz eigenen Bewertungssystem („was mir wichtig ist, kann dir möglicherweise ganz unwichtig sein und umgekehrt“).
  • Jeder führt, häufig unbewusst, ein individuelles Konto über Geben und Nehmen – in seiner ganz eigenen Währung. Ob ein Beziehungskonto als ausgeglichen erlebt wird, hängt vom eigenen Wertmaßstab (Bewertung) ab.
  • In vertrauten Beziehungen wird oft viel Kredit gegeben. Der „Kreditrahmen“ kann von geliebten Menschen durchaus auch über längere Zeit überzogen werden. Äußerlich erscheint das Verhalten dann „selbstlos“; es hat jedoch einen „Gegenwert“. Wenn der auf Dauer fehlt, wird das Entgegenkommen nach einiger Zeit eingeschränkt oder eingestellt.

Dankbarkeit als Gegenwert

Ein typisches Beispiel dafür sind Pflegekräfte in einem Altersheim. Wenn man mit ihnen darüber spricht, wie aufopferungsvoll sie sich um manche alte Menschen kümmern, hört man sehr oft die Reaktion: „Ich bekomme aber auch sehr viel zurück. Wenn man sieht, wie der alte Mensch auflebt, wenn man sich um ihn kümmert, das wiegt den Einsatz auf!“ Wem diese Währung der „Dankbarkeit“ wenig bedeutet, wird auf Dauer nicht in der Altenpflege arbeiten.

Aber für Liebesbeziehungen gilt das nicht – oder?

Nadja ist seit 6 Jahren mit Markus zusammen. Beide lieben ihren Beruf und wünschen sich Kinder. Als das erste Kind unterwegs ist, treffen sie ein Arrangement: Sie können nur einen Kita-Platz für 35 Stunden in annehmbarer Nähe finden. Nadja nimmt deshalb im Beruf eine Auszeit von einem Jahr und widmet sich dem Kind. Markus kann in der Zeit seine Weiterbildung zum Wirtschaftsprüfer angehen. Danach ist geplant, dass Markus beruflich deutlich kürzer tritt und mehr Verantwortung für Kind und Haushalt übernimmt.
Nadja genießt die Zeit mit ihrer kleinen Jana. Insgeheim beneidet sie Markus aber um sein berufliches Fortkommen, spricht aber nie mit ihm darüber.
Als Markus seine Prüfung erfolgreich abgeschlossen hat, bekommt er ein Top-Stelle angeboten, die er nicht ablehnen kann. Er sehr überrascht und frustriert, wie sie auf diese Nachricht reagiert. Er war der Meinung, dass Nadja gerne noch etwas länger ihre Zeit dem Kind genießen möchte. Sie macht jedoch deutlich, dass ihr eigenes berufliches Fortkommen ihr sehr wichtig ist und sie immer darauf gewartet hat, wieder voll in den Beruf einzusteigen und sich weiter zu entwickeln. Dann zählt sie ihm detailliert auf, worauf sie alles verzichtet hat, während er sich ein ´schönes Leben gemacht´ hat. Markus ist perplex, ein solches kleinliches „Aufrechnen“ kann er absolut nicht verstehen. Soll er denn wirklich auf eine solche berufliche Chance verzichten?

Ein kleinliches Aufrechnen ist die Folge eines erlebten Ungleichgewichts in einer persönlich wichtigen Sache

Nadja fühlt sich durch Markus „betrogen“. Für sie ist die Rückkehr in den Beruf sehr wichtig. Der Versuch von Markus, das um 1-2 Jahre hinauszuzögern, setzt ein Aufrechnen in Gang: Was habe ich gegeben, worauf habe ich verzichtet? Je tiefer ihre Enttäuschung über das Ansinnen von Markus ist, desto mehr Details fallen ihr ein, wo es in ihrer Beziehung zu oft auf ihre Kosten ging…

Zu wissen, was wirklich wichtig ist

Gerade in vertrauten Beziehungen ist es von Bedeutung, klar zu machen, was einem persönlich wichtig ist. Es besteht die Tendenz, nicht egoistisch erscheinen zu wollen und deshalb die eigenen Wertigkeiten eher zögerlich und vorsichtig zu äußern.
Das kann dazu führen, dass das Gegenüber dann (un-)wissentlich darüber hinweg geht.

Nadja und Markus haben es versäumt, zwei wichtige Fragen zu klären. Die Antworten können in persönlichen Beziehungen verhindern, dass einer der Partner den Eindruck hat, dass das die getroffenen Entscheidungen auf seine/ihre Kosten gehen:

1. Habe ich gegenüber meinem persönlichen Umfeld (Partner, Eltern, Kinder, Freunde, Arbeitskollegen…) deutlich gemacht, was für mich in der Beziehung zu ihnen wertvoll ist („in welcher Währung ich rechne“)?

Um sicher zu gehen, ob das klar angekommen ist, kann man die Frage stellen: „Was denkst du, was mir in der Beziehung zu dir ganz besonders wichtig ist?“

2. Weiß ich, was für die vertrauten Personen in meinem Umfeld wirklich wichtig ist?

Dazu kann man das Gespräch suchen: „Ich denke, dass dir ….. besonders wichtig ist. Liege ich da richtig, oder gibt es andere Bereiche, die ich bisher nicht als so entscheidend angesehen habe?“

In welcher Währung rechnen Sie?

 
 
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Foto von .lu/photocase.de
 
 

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