Krankheitsängste – „Wie soll ich mich in meiner Panik entscheiden?“

Entscheidung Krankheit Ängste

Vier Arten von Krankheitsängsten

Ängste und Panikattacken treten bei jedem Menschen auf. Oft treten sie in Zusammenhang mit einem besonderen Ereignis ein und vergehen nach einiger Zeit auch wieder. Angst entsteht durch die Bewertung einer Situation als gefährlich / lebensbedrohend. Sie entsteht „im Kopf“ und kann deshalb auch nur „im Kopf“ gelöst werden.

1. Klassische Phobien

Viele Menschen haben Ängste (Phobien) z.B. vor Spinnen, Hunden und eben auch vor Krankheiten z.B. in Form der Angst vor Ansteckungen und dem daraus folgenden Hygienezwang. „Eine Phobie bezeichnet allgemein eine übersteigerte Angstreaktion gegenüber eindeutig definierten, objektiv betrachtet ungefährlichen Situationen oder Objekten. Aufgrund der starken Angst wird die Konfrontation mit diesen Situationen oder Objekten vermieden, oder nur unter massiver Furcht ertragen. Allein die Vorstellung der gefürchteten Situation ausgesetzt zu sein, erzeugt oft Angst. Die gefühlsmäßige Angstreaktion wird in der Regel begleitet von starken körperlichen Begleiterscheinungen der Angst, zum Beispiel Herzrasen, Zittern oder Schwitzen.“ (Definition des Früherkennungs- und Therapiezentrum für psychische Krisen (FETZ) Köln).
Phobien können durch gezielte Verhaltenstherapien sehr gut abgemildert bzw. zum Verschwinden gebracht werden.

2. Angst nach einer traumatischen Krankheitserfahrung

In der Regel haben Herzinfarktpatienten oder Patientinnen mit überstandener Brustkrebs-Erkrankung tiefsitzende Ängste vor einer erneuten Erkrankung . Die Erfahrung, mit knapper Not mit dem Leben davon gekommen zu sein, hinterlässt ein Trauma. Durch anstehende Kontrolluntersuchungen oder gleiche Fälle bei anderen Menschen wird das Trauma immer wieder aktiviert und erzeugt Angstzustände.
Eine Vergewisserung durch eine Untersuchung, die klare (in der Regel negative) Befunde ergibt, kann für eine bestimmte Zeit die Angst zurückdrängen bzw. ganz verschwinden lassen – bis zum nächsten Auslöser.

3. Somatic Symptom Disorder
(Körpersymptomstörung)

Eine übertriebene Selbstbeobachtung kann auch bei psychisch gesunden Menschen zu Fehlwahrnehmungen und häufigen Arztbesuchen führen, wobei auch ausführliche und wiederholte Untersuchungen keine körperliche Ursache der Beschwerden ergeben. Abfällig hat man früher solche Menschen als Hypochonder („eingebildete Kranke“) bezeichnet. Bei einer Körpersymptomstörung (SSD) leiden die Betroffenen unter ausgeprägten Ängsten, eine ernsthafte Erkrankung zu haben, ohne dass sich dafür ein angemessener, objektiver Befund finden lässt. Paradoxerweise sind SSD-gefährdete Personen oft nicht etwa erleichtert, sondern enttäuscht, wenn sie erfahren, dass sie keine körperlichen Beschwerden haben. Denn oft hat SSD eine bestimmte (unbewusste!) Funktion: Es soll Aufmerksamkeit hervorrufen, es soll das Vermeiden von anstehenden Entscheidungen und Herausforderungen „entschuldigen“ , es soll von Konflikten ablenken….Der Kranke zieht aus seinen quälenden Krankheitsängsten oft einen „sekundärer Gewinn“, d.h. die Beschäftigung mit den Krankheiten ermöglicht es, bestimmte Konflikte und schwierige Entscheidungen „gerechtfertigt“ zu vermeiden. Die SSD-Symptome wirken entlastend.
Dieser sekundäre Gewinn kann durch eine Therapie ins Bewusstsein geholt werden. Wenn dann die „eigentlichen“ Konflikte und Entscheidungen angegangen werden, verliert die Störung ihre Funktion und „verschwindet“ oft.

4. Angstinduzierte Krankheitssymptome

Dabei wird bei eher harmlosen Körpersymptomen eine Gedankenspirale in Gang gesetzt: Die Angst, dass es etwas Ernsteres sein könnte, verstärkt das wahrgenommene Symptomempfinden, was wiederum als Indiz dafür genommen wird, das es doch etwas Ernstes ist, was wiederum das Symptom verstärkt… Ein Teufelskreis kommt in Gang. Am Ende stehen durch die Angst induzierte deutlich wahrnehmbare Beschwerden und die feste Überzeugung, jetzt wirklich lebensbedrohlich krank zu sein. Ein eher harmloses Symptom (Schmerz, Unwohlsein, Beschwerde..) wird durch fixierte Gedankenbahnen und auslösenden „Horrorvisionen“ dramatisiert. Hierfür sind Menschen besonders disponiert, die zwei hervorragende Eigenschaften verbinden:

  • Sie sind empathisch, können sich sehr gut in andere Menschen hineinversetzen und haben einen „siebten Sinn“ dafür, was andere empfinden und brauchen. Dabei entwickeln sie auch besondere Sensoren für die eigenen Körpersignale und nehmen eigene körperliche Symptome sensibel wahr
  • Sie sind aktiv, planen im Voraus, wollen alles gut und möglichst perfekt machen; wichtig ist ihnen, alles unter Kontrolle zu haben. Bei Krankheiten fühlen sie sich ausgeliefert und beobachten deshalb kleinste Symptome mit Argwohn und Angst. Die Angst, „es könnte etwas sein“, ist die Angst vor Kontrollverlust, vor dem Ausgeliefert-sein.

Die auftretenden Krankheitsängste sind oft die andere Seite einer starken, verlässlichen, aktiven und dabei herzlichen, lebendigen und zugewandten Person.

Ein Coaching oder eine Therapie zielt hier darauf ab, die auslösenden Gedanken und Phantasien zu erkennen und kontrollieren zu lernen. Die über Jahre mental eingeschliffene Gedankenspirale kann nach und nach durch andere Gedankenmuster ersetzt werden. Der Teufelskreis muss dann erst gar nicht in Gang kommen. Ist die Gedankenspirale erst einmal in Gang, ist es schwer, sie wieder zu stoppen. Dann hilft es nur, schnell die Symptome abklären zu lassen. Die Fakten sind die beste Therapie. Aktive, engagierte Personen haben in der Regel keine Angst vor Krankheiten. Sie haben Angst vor der Unsicherheit, dem Verlust der Kontrolle, dem eigenen Körper nicht mehr trauen zu können. Sind die Fakten glaubhaft geklärt, hört in der Regel die Angst auf – bis zum nächsten Mal.

Julietta hat die Koffer schon gepackt

Julietta ist fest davon überzeugt, dass sie Blasenkrebs hat. Sie war vor einigen Wochen beim Facharzt, der nur eine leichte Reizung festgestellt hat. Aber Julietta traut der Diagnose nicht, ihre Angst wird jeden Tag schlimmer und die „todsicheren“ Symptome werden immer ausgeprägter. Ihr Mann René ist zunächst verständnisvoll, da er sieht, dass Julietta jeden Tag mehrere Tode stirbt. Die permanente Angst und die Sorgen führen zu starker körperlicher Anspannung und Verspannung, Unruhe, Schlafstörungen und anderen vegetativ bedingten Beschwerden. Im Laufe der Wochen und Monate, in denen sich die Krankheitsangst von Julietta immer mehr verstärken, wird es René zu viel. Immer wieder hat er versucht, Julietta zu überzeugen, dass sie nicht krank sei – vollkommen erfolglos. Bald drehen sich die Gespräche zwischen den beiden nur noch um die vermeintliche Krankheit. Je mehr René versucht, Julietta die Krankheit „auszureden“, desto weniger fühlt sie sich verstanden und ihre Angst wird verstärkt. Für René läuft das Fass über, als wieder ein Termin beim Urologen vereinbart ist. Julietta hat dafür schon einen kleinen Koffer gepackt, weil sie der festen Überzeugung ist, dass sie eine schlimme Diagnose erhält und sofort notfallmäßig in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss. Die Untersuchungen ergeben wieder keinen positiven Befund. Julietta ist frustriert, weil sie sich als „eingebildete Kranke“ fühlt. Und René ist verzagt, weil er sie liebt und helfen möchte, aber nicht mehr weiß, was er noch sagen und machen soll. Die Beziehung ist auf einem Tiefpunkt angelangt. In dieser Situation beschließt René , Beratung in Anspruch zu nehmen.

Unterstützer oder Mit-Patient?

Bei Krankheitsängsten leidet das persönliche Umfeld mit. Es gibt einige einfache Regeln, die das Umfeld beachten kann, um nicht auch in den Sog der Angst zu geraten (Mit-Patient), sondern eine echte Unterstützung zu sein und helfen zu können, einen Weg aus den Krankheitsängsten zu finden. Im Coaching erhält René dazu einige wertvolle Tipps:

Die Angst ist die „Krankheit“, nicht die gefühlten Krankheitssymptome

Es hilft nichts, dem Partner dessen Beschwerden und seine damit verbundenen Ängste als ausreden zu wollen. Die körperlichen Symptome sind da.
Der Partner ist kein Hypochonder. Er/sie ist krank. Die Krankheit besteht in der panische Angst, an einer tödlichen Krankheit zu leiden. Diese Angst ist für den Angehörigen oft nicht nachvollziehbar oder gerechtfertigt, aber sie ist Realität. Alain (Die Pflicht glücklich zu sein, Suhrkamp 1982 S.8). hat dies sehr schön formuliert:

„Schon viele haben mit überzeugenden Argumenten die Furcht als etwas Unsinniges bewiesen; aber der, der Furcht hat, hört nicht auf Argumente, sondern auf das Klopfen des Herzens.(…) Ein Mensch, der Furcht hat, erfindet sich nämlich zu dieser Furcht, die er ja doch so stark spürt, als Erklärung eine Gefahr hinzu.

Eine Ursachenforschung d.h. eine Beschäftigung mit den Symptomen und das Rätselraten darüber, ob diese ein deutlicher Hinweis auf eine lebensbedrohliche Krankheit sind, läuft also ins Leere. Wenn die Krankheitsangst überhand genommen hat (wie im Fall von Julietta und René) kann dem Partner durch eine Doppelstrategie wirklich geholfen werden: Mitgefühl, Verständnis und Zuspruch für die Angstgefühle zeigen und immer wieder dazu ermutigen, für den Umgang mit der Angst professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Krankheitsängste sind die bei weitem an häufigsten vorkommenden psychischen Schwierigkeiten; dementsprechend gibt es bewährte therapeutischen Interventionen, die die Angst wirksam eindämmen können.

Regel 1: Zeigen Sie ihrem Partner deshalb, dass sie ihn Ernst nehmen und Mitgefühl haben für ihr Erleiden der Angst. Ermutigen Sie Ihren Partner, Hilfe für den Umgang mit der Angst zu suchen.

Endlose Gespräche über die Symptome vermeiden

Die Angst wird durch die häufigen Gespräche darüber nicht weniger, sondern verstärkt sich. Krankheitsanalysen, Berichte über die befürchtete Krankheit, ständige (Selbst-)Untersuchungen verstärken den Teufelskreis der Angst.

Regel 2: Lassen Sie sich nicht auf Gespräche mit dem Partner ein, die um die Symptome kreisen, sondern sprechen sie über „lustmachende“ Themen. Suchen Sie nach Lösungen, besser mit der Angst umzugehen, statt danach zu suchen, ob die gefühlten Beschwerden nicht doch bedrohlich sein könnten.

Ja oder aber
 Sie können dabei die Ja-aber-Strategie verfolgen. In der Regel macht der Partner ja-aber-Aussagen 
d.h. er benennt zwei Alternativen: „Ich weiss ja, dass die Beschwerden ganz harmlos sein können, 
aber es kann doch auch sein, dass…“ Worum dreht sich das Gespräch nach einem solchen Satz? 
In 100% aller Fälle um das aber – und schon sind sie wieder in der Symptomfalle. 
Sie haben jedoch zwei Alternativen, auf die sie reagieren können (ja-Aussage und aber-Aussage). 
Warum nicht die Aber-Aussage beiseite lassen und auf das Ja eingehen. „Ich finde es auch super, 
dass die letzte Untersuchung keinerlei Befunde ergeben hat. Und ich finde es toll, wie du mit 
deiner Angst umgehst…“

Bewegung mit den Füßen schafft Bewegung im Kopf

Bewegung, Sport, Spaziergänge usw. helfen , sich von der Fixierung auf die Angst zu lösen. Wachsende körperliche Fitness stärkt das Selbstvertrauen und das Vertrauen in den eigenen Körper.

Regel 3: Ermutigen Sie Ihren Partner, körperlich aktiv zu werden; unternehmen Sie gemeinsame Spaziergänge / Sport / Wanderungen (Regel 2 beachten!).

Wie ist es weitergegangen mit Julietta und René?

Julietta fühlt sich anfangs unverstanden, als René die drei Regeln konsequent umzusetzen versucht. Zugleich spürt sie, dass René sie wirklich liebt und um sie besorgt ist, auch wenn er die früher so typischen Gespräche um die Frage: „Ich hab doch nichts Ernsthaftes, oder..?“ konsequent aus dem Wege geht. Inzwischen hat sie sich dazu entschlossen, einen Therapeuten aufzusuchen, der auf den Umgang mit Ängsten spezialisiert ist. Sie findet besonders hilfreich, dass sie Methoden lernt, wie sie den Angst-Teufelskreis gleich zu Anfang stoppen kann. Sie versteht besser, was die Auslöser für Ihre Angstattacken sind und „übt, den Anfängen zu wehren“.

Kennen Sie solche Krankheitsängste?
Sind Sie schleichend zu einem Mit-Patienten geworden?
Vielleicht kann Ihnen mein Online-Coaching neue Möglichkeiten zeigen, mit den Krankheitsängsten umzugehen?

 
 
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Das Titelbild ist ein Foto von kemai /photocase.com und zeigt keine im Artikel erwähnte Person.
 
 
 
 

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