Die Entscheidung ist der Augenblick, in dem man das Reden satt hat

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Das Schweigen hat unsere Beziehung gerettet!

´Beenden Sie einfach Ihre Beziehungsgespräche!!´
Jutta und Jakob trauen ihren Ohren nicht, als sie im der Paarcoaching diesen Vorschlag hören. Es stellt alles auf den Kopf, was sie bisher geglaubt haben. Nach der ersten Sitzung brechen sie die Beratung ab. So etwas Unprofessionelles wollen sie sich nicht anhören.
Abend für Abend sitzen sie nach dem Abendessen noch am Tisch und reden. Dabei wird oft auch das eine oder andere Glas dunkelroter, kräftiger Lagreiner aus dem letzten Urlaub in Südtirol getrunken. Doch das harmonische Bild täuscht. Vor neun Jahren haben sie mit einer ausgelassenen Bauernhochzeit unter den dicken Balken einer alten Scheune in einem Feld von Mohnblumen ihre Ehe begonnen. Jetzt fällt ihnen manchmal die Decke auf den Kopf. Aufstehen, Frühstück, abwechselnd das Kind in die Schule bringen, das Geschwätz der Arbeitskollegen, Kindersorgen, abwechselnd Auberginensalat, Pasta, Spaghetti Bolognese… anschließend Kindergeschichte vorlesen, dann Lagreiner trinken und reden darüber, wie es weiter gehen soll. Die Kondome gammeln in der Nachttischschublade von Jakob vor sich hin.
Und immer wieder die Frage: Wie konnte es so weit kommen, was haben wir falsch gemacht?
Und gegenseitige Vorwürfe: „Wenn wir nur nicht wegen deiner Stelle in dieses Kaff gezogen wären“ oder „Du hast dich wieder nicht darum gekümmert, Karten für das Tingvall-Konzert zu besorgen“.
Und Auf-/Ausbruchspläne: Wieder eine Stadtwohnung suchen oder für fünf Jahre an eine Auslandsschule in Buenos Aires wechseln oder einer zieht mal für einige Zeit aus…
Nach solchen Gesprächen sind der Rotwein ausgetrunken und die Gläser voll – mit Traurigkeit und Ratlosigkeit. Bis zum nächsten Abend…

Die Rede-Spirale oder das Miteinander
reden als Ersatz für Handeln

Einerseits gilt: In langjährigen Paarbeziehungen versiegt oft das Gespräch. Mein neues eBook handelt davon, wie diese Schweigespirale „aufgebogen“ und zu einem Wegweiser umgestaltet werden kann.
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Dagegen sind Paare wie Jutta und Jakob in die „Rede-Spirale“ geraten. Sie reden miteinander über ihre Beziehung. Dabei machen sie sich Vorwürfe, dass sie nicht vernünftig miteinander reden können.
Ihr Reden ist ein Reden, ist ein Reden, ist ein Reden…


Mit jedem Beziehungsgespräch wächst die Unzufriedenheit. Einer oder beide Partner spielen schließlich mit dem Gedanken, die Beziehung zu beenden. Dabei fällt es ihnen gar nicht auf, dass sie nicht handeln. Denn jeder Aufbruchsplan wird lange ausdiskutiert, bis so viel Wermut in den kräftigen Rotwein getropft ist, dass er ungenießbar geworden ist. Also heißt es weiter reden.
Schließlich suchen sie ein Paarcoaching auf. Sie erwarten, dass der Coach ihnen hilft, „besser miteinander zu reden“. Als der rät, lieber zu schweigen, fühlen sie sich unverstanden und zweifeln an seiner Kompetenz.

Kompetente Beratung zeichnet sich durch scheinbar inkompetente Ratschläge aus

Um Krisen zu meistern, halten Paare, Familien, Unternehmen und Serienmörder an einem einmal eingeschlagenen Weg (dem „Modus operandi“) fest. Sie kennen nur das „mehr des Gleichen“. Ein kluger Coach gibt in solchen Situationen einen „dummen“ Rat. Denn das Einhalten der „klugen“ Ratschläge ist ja das Problem. In der Beratung werden die dummen Ratschläge „paradoxe Interventionen“ genannt. Sie wirken paradox („widersprüchlich“), weil sie zunächst verunsichern wollen. Wer sie strikt befolgt, hört es knistern und knacken im Gebälk, der Putz des bisherigen Lösungsgebäudes fällt von der Decke. Für das bisherige Lösungskonzept besteht Einsturzgefahr. Paradoxe Anstöße (Interventionen) wecken die Suche nach neuen Lösungen. Sie wirken, ohne dass ein Coach bewerten, belehren oder warnen muss.
Eine paradoxe Intervention wird wie ein Rezept verschrieben: Man nehme noch mehr von der bisherigen Lösung oder andersherum: Man verzichte auf die bisherige Lösung . Im Fall einer Rede-Spirale könnte der Coach verschreiben, die Dosis zu erhöhen. Die Zeit für die Beziehungsgespräche sollte mindestens verdoppelt werden. Die Nebenwirkung ist erwünscht: Die bisherige Selbstmedikation („Gespräche führen“) entpuppt sich als Placebo. So kann es nicht weitergehen!
Ähnliche Nebenwirkungen hat die umgekehrte Verschreibung wie sie der Coach bei Jutta und Jakob verschreibt. Verzichten auf die bisherige Medikation („über die Beziehung reden“). Das löst die Suche nach anderen, wirksameren Mitteln aus.
Achtung: Paradoxe Interventionen sind rezeptpflichtig. Fragen sie deshalb ihren Coach oder Berater.

Der Satz des Coaches wirkt nach

Jutta und Jakob sind vom Paarcoaching enttäuscht. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Jutta schlägt vor, die Anregung des Beraters doch mal auszuprobieren. Zunächst reden sie dann über die Anschaffung von neuen Fahrrädern, dann über den anstehenden Besuch der Eltern, dann über den dringenden Friseurbesuch von Jakob…und schließlich füllen sich die geleerten Weingläser mit Schweigen. Es ist jedoch nicht das eisige Schweigen der Verzagtheit, sondern beide spüren ein Schweigen der Erkenntnis: Wie viel Raum haben unsere Beziehungsgespräche eingenommen, ohne dass wir irgendwie vorangekommen wären!
Jutta fasst daraufhin einen Entschluss. Sie lädt ein Kollegenpaar zum Essen ein. Die beiden sind letzten Monat nach fünf Jahren von einem Einsatz als Auslandslehrer in Lissabon zurückgekommen. Es wird ein anregender Abend. Die Gäste erzählen lebendig von ihren Bedenken, Ängsten und Problemen. Sie geben manche Story zum Besten über lustige Sprachprobleme und die ganz andere Lebensweise. Jutta und Jakob horchen auf, als die Gäste in einem Nebensatz erwähnen, dass der Tapetenwechsel auch ihrer Beziehung gut getan hat…
Jutta und Jakob halten ihr Schweigegelöbnis weiter ein und reden nicht über ihre Beziehung. Für das Wochenende hat Jakob noch Karten für das Tingvall-Konzert bekommen und eine Babysitterin gefunden. Nach dem Konzert können beide einfach nicht mehr an sich halten. Sie müssen über die Möglichkeit reden, auch ins Ausland zu gehen. Was die Kollegen erzählt haben, wirkte wie der Vino Verde, den sie an dem Abend getrunken haben – spritzig und lebendig…Das wäre doch etwas!

Zusammenfassung

1. Paare, Familien oder auch Entscheider in Unternehmen haben es schwer, die Enge des eingeschlagenen Lösungsweges in Krisen zu erkennen. Sie tun, was sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen hat. Oder sie halten sich an die empfohlenen Standardlösungen: Festgefahrene Paarbeziehungen brauchen mehr Gespräche, problematische Familien brauchen wieder mehr Nähe, Unternehmen in der Krise müssen Kosten sparen und Mitarbeiter entlassen…

2. Häufig ist der eigeschlagene Lösungsweg das Problem.

3. Die Verschreibung von scheinbar unsinniger Medikation („paradoxe Intervention“) deckt Verengung von Handlungsalternativen auf. Die bisherigen Lösungen entpuppen sich dabei als unpassend und „ungünstig“. Prinzipiell kann man dabei die Dosis erhöhen („das bisherige Lösungsverhalten verdoppeln“) oder strikt auf das bisherige Lösungsverhalten verzichten („das bisherige Lösungsverhalten konsequent vermeiden“).

4. Wird die paradoxe Medikation befolgt, tun sich „durch wundersame Zufälle“ neue Möglichkeiten auf.

5. „Entscheide und handle so, dass die Anzahl der Möglichkeiten vermehrt wird“ (nach Heinz v. Foerster).
 
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Fotonachweis: Reinhard Dobat
 
 

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