Entscheidung – Ich kann doch meine Mutter nicht verhungern lassen?!

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Kann man einer Tochter zumuten, über Leben und Tod ihrer Mutter zu entscheiden?

Man kann.
Die Mutter (86) von Lina ist mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus gekommen und liegt auf der Intensivstation. Als Lina in die Klinik kommt, wartet schon der Stationsarzt auf sie. Er eröffnet ihr, dass die Mutter sehr schwer krank ist und im Koma liegt. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, ob die Mutter künstlich ernährt werden soll, da sie sonst „verhungern würde“. Lina ist entsetzt über die Entscheidung, die sie da treffen soll. Es liegt zwar eine klare Patientenverfügung vor, die die künstliche Ernährung ausdrücklich ausschließt. Lina ist darüber hinaus in der Patientenvollmacht ihrer Mutter als Ansprechpartner benannt: „Aber ich kann doch meine Mutter nicht verhungern lassen?!“
Sie bittet den Oberarzt um Rat. Der erklärt ihr, dass die Mutter nicht mehr aus dem Koma aufwachen wird, der Schlaganfall sei zu schwer. Es wäre aber möglich, der Mutter die letzten Tage schmerzfrei zu gestalten. Lina entscheidet schweren Herzens, auf die künstliche Ernährung für die Mutter zu verzichten. Diese verstirbt nach 3 Tagen ruhig, ohne nochmals aufgewacht zu sein.

Mit der Entscheidung über den Tod leben können

Die Geschichte von Lina und ihrer Mutter hat scheinbar ein gutes Ende. Aber nur scheinbar. Die Mutter ist ohne langes Leiden letztlich friedlich eingeschlafen. Aber es vergeht kein Tag, an dem Lina nicht an ihre Mutter denkt und sich fragt, ob es nicht besser gewesen wäre, der Mutter doch noch eine Weile das Leben zu erhalten. Andererseits hat sie die Worte der Mutter im Ohr, die auf keinen Fall ein Siechtum an irgendwelchen Maschinen wollte. Das hat Lina ihr erspart. Zwischen diesen Gefühlen ist Lina hin- und hergerissen. Im Kopf weiß sie, dass die Entscheidung richtig war, dennoch überfallen sie Zweifel und Schuldgefühle. Hätte ich doch anders entschieden…

Die Seele baumelt langsam

Der Verstand und die Seele (Empfinden, Gewissen, Gefühle…) sind auf unterschiedlichen Straßen unterwegs. Der Verstand ist schnell und rast bei Tempo 150 km/h über die Autobahn. Gute Argumente, logische Folgerungen und Erklärungen und Rechtfertigungen sind schnell bei der Hand (bzw. im Kopf parat). Die dazugehörigen Empfindungen und Gefühle sind dagegen viel langsamer. Sie sind eher auf einer Schotterpiste unterwegs, es dauert entsprechend lange, bis sie den Verstand eingeholt haben. In Situationen wie mit Lina und ihrer Mutter braucht es einfach Zeit, um Kopf („Die Entscheidung war richtig“) und Seele („Hätte ich doch anders entscheiden sollen?“) wieder in Einklang zu bringen. Bis dahin sind Selbstzweifel, Schuldgefühle, Beschwichtigungen, Erklärungen, Sicherheit, richtig gehandelt zu haben, nebeneinander vorhanden. Sie werden oft in einem Atemzug genannt. „Ich weiß, dass meiner Mutter so viel erspart worden ist. Trotzdem fühle ich mich schlecht.“

Gibt es einen Turbo für die Seele?

Ein kleines „Gedankenexperiment“ hat Lina sehr geholfen:

1. Was wäre denn das Gute daran, wenn die Mutter noch leben würde? Was wäre dann anders?
Lina:
– „Ich könnte Sie besuchen“
– „ Sie wäre einfach noch da„
– „Ich könnte es ihr noch schön machen“

2. Gibt es Möglichkeiten, das Gute heute auf andere Weise zu erleben, wenigstens ein bisschen?
Lina:
– „Ich kann ein Gedenkbuch über meine Mutter schreiben“
– „Ich kann die letzte Reise, die ich mit meiner Mutter gemacht habe, nochmal machen“
– „Ich kann den Pullover zu Ende stricken, den meine Mutter bis zuletzt in Arbeit hatte“
– „Ich kann Tante Fine besuchen, an der Mutter immer sehr gehangen hat“

3. Was werde ich denn jetzt konkret tun?
Lina:
– „Ich werde ein Gedenkbuch/Fotobuch über meine Mutter schreiben“

Nicht verdrängen oder schönreden, sondern andere Möglichkeiten angehen

Im Coaching heißt dieses Vorgehen Reframing (=in einen anderen Rahmen stellen). Die Aufmerksamkeit wird dabei auf das gelenkt, was möglich ist.
Und etwas davon wird tatsächlich getan.
Das, was nicht mehr möglich ist, tritt zurück – ohne dass es kleingeredet oder verdrängt wird. Es behält seinen Platz, wird aber in einen anderen Zusammenhang gerückt. Das sogenannte positive Denken hilft oft nicht weiter, Reframing schon.
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Exkurs: Patientenverfügung – ein Muss

Viele ältere (und zunehmend auch jüngere) Leute haben eine Patientenverfügung (hier ein Muster des Bundesministeriums), weil sie Angst davor haben, in der letzten Lebensphase an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen zu werden. Sie möchten nicht künstlich am Leben erhalten werden. In der Regel ist eine Patientenverfügung mit einer Vollmacht verbunden, die eine Person bevollmächtigt, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, wenn dies dem Patienten nicht mehr möglich ist. Das erleichtert allen, vor allem auch den Ärzten und Angehörigen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Zumutung, möglicherweise über den Tod eines Menschen zu entscheiden, wird dadurch erträglicher.
 
 
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Das Titelbild ist ein Foto von inkje / photocase.com und zeigt keine im Artikel erwähnte Person.
 

Ein Gedanke zu „Entscheidung – Ich kann doch meine Mutter nicht verhungern lassen?!“

  1. Das Abschalten lebensverlängernder Maßnahmen ist und sollte auch keine einfache Entscheidung sein. Schließlich geht es um das Leben eines Menschen.

    Aber dem Leben an sich kann die Tochter auch weiterhin „dienen“, auch wenn die Mutter tot ist. Denn die Mutter hat in ihrem Leben auch viele andere Leben bewegt und nicht zuletzt eine Tochter hinterlassen.

    Jeder von uns gekommt das Leben geschenkt, aber jeder macht etwas unterschiedliches daraus. Und darauf kommt es doch an.

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