Umgang mit einem schwierigen Menschen – Wie soll ich mich entscheiden?

Entscheidung-schwieriger-Mensch

Ein „schwieriger Mensch“ entsteht

Es kann passieren, dass mir eine Person in meinem Umfeld immer wieder „auf die Nerven geht“. Dann verengt sich der eigene Blickwinkel immer weiter; alles, was der „schwierige“ Mensch tut, wird mit einer negativen Brille gesehen. Ein Teufelskreis kommt in Gang: Es werden nur noch die schwierigen Verhaltensweisen wahrgenommen, andere Verhaltensweisen werden dagegen ausgeblendet. So wachsen jeden Tag Ärger, Wut und Unverständnis. Der betreffende Mensch wird zum „roten Tuch“. Da man sich in solchen Situationen in der Regel nicht komplett aus dem Wege gehen kann, vertieft jede Begegnung die Schwierigkeiten. Ein „schwieriger Mensch“ entsteht!
 

Gerhard dreht sich der Magen um

Die Schwiegermutter von Gerhard ist eigentlich eine ganz nette, liebenswerte Frau. Die Enkeltochter Lisa liebt ihre Oma heiß und innig. Leider nervt es Gerhard, dass sie sich nicht an die Verabredungen im Umgang mit Lisa hält. Sie steckt ihr immer wieder Süßigkeiten zu. Wenn sie zweimal in der Woche zum Babysitten kommt, werden die Essenzeiten nicht eingehalten und Rita kommt viel zu spät ins Bett. Das bringt den ganzen Schlafrhythmus durcheinander.
Inzwischen dreht sich Gerhard schon der Magen um, wenn die Schwiegermutter nur zur Tür hereinkommt. Weil die Schweigermutter die vereinbarten Regeln im Umgang mit Lisa nicht ernst nimmt und ignoriert, sieht sich Gerhard gezwungen, sie jedes Mal wieder darauf hinzuweisen – leider ohne durchschlagenden Erfolg. Es tut ihm Leid, dass er die Mutter seiner Frau so behandeln muss, aber er weiß keinen anderen Rat, die Schwiegermutter ist eben ein schwieriger Mensch…

 

Ist eine Verbesserung der Situation möglich? Ja!

In den Aussagen von Gerhard steckt eine klare Ursachenzuschreibung (Kausalität)

  • Weil die Schwiegermutter die Regeln für den Umgang mit Rita ignoriert, sieht sich Gerhard gezwungen, immer wieder deren Einhaltung einzufordern.
Zur Erläuterung: „Kausalität (lat. causa „Ursache“) bezeichnet die Beziehung zwischen 
Ursache und Wirkung oder „Aktion“ und „Reaktion“, betrifft also die Abfolge aufeinander 
bezogener Ereignisse und Zustände. Die Kausalität (ein kausales Ereignis) hat eine 
feste zeitliche Richtung, die immer von der Ursache ausgeht, auf die die Wirkung folgt.“ 
(Wikipedia).

 

Solche Ursachenzuschreibungen sind konstruiert!

Ursachenzuschreibungen sind von den Beteiligten konstruiert. Sie sind das Ergebnis von Festlegungen, die sich im alltäglichen Umgang herausbilden. Das jeweilige Umfeld unterstützt die Zuschreibungen und sie werden zu Realitäten. Der Witz vom Medizinmann aus der Sahelzone verdeutlicht das:


Ein Medizinmann aus der Sahelzone (wo es schon seit Jahren nicht mehr geregnet hat) 
besucht London. Nachdem er wieder zu seinen Stammesbrüdern zurückgekehrt ist, berichtet 
er ihnen: "Stammesbrüder, die Engländer sind fantastische Medizinmänner. Da laufen in 
einem riesigen Stadion 22 Männer hinter einem Ball her, und tatsächlich - 
nach 15 Minuten fängt es an zu regnen!" 

 

Ursachen-Umkehrung

Ursachenzuschreibungen sind also Konstruktionen, die oft gut funktionieren. Wenn es jedoch Schwierigkeiten gibt und die Ursachen-Zuschreibungen nicht (mehr) richtig passen, kann umkonstruiert werden – in Form der Ursachen-Umkehrung nach dem Muster:

Ursachenzuschreibung:
Weil Person A tut, ist Zustand B bzw. handelt Person B so
(„Weil das Kind weint, sind die Eltern unruhig“)

wird dann zu

Ursachenumkehrung:
Weil Person B so handelt, tut Person A bzw. ist Zustand A.
(„Weil die Eltern unruhig sind, weint das Kind“)

Aus jeder der Ursachenzuschreibungen folgen andere Handlungen!
 

Was bedeutet das für Gerhard?

Im Beispiel von Gerhard und der „schwierigen“ Schwiegermutter bedeutet das:

  • Weil die Schwiegermutter die Regeln für den Umgang mit Rita ignoriert, sieht sich Gerhard gezwungen, immer wieder deren Einhaltung einzufordern

Wird zu

  • Weil Gerhard die Erziehungsregeln immer wieder einfordert, ignoriert die Schweigermutter die Regeln.

„Wenn etwas funktioniert, tu es. Wenn etwas nicht funktioniert, probiere etwas anderes“

Die ursprüngliche Ursachenzuschreibung funktioniert ganz offensichtlich nicht. Stattdessen eskaliert die Situation. Gerhard wird immer ärgerlicher(„so geht das nicht weiter“), die Schwiegermutter immer „ignoranter“ („der Grünschnabel soll mir doch nicht sagen, wie man Kinder erziehen soll“). Die Gespräche darüber werden immer eisiger und versiegen bald ganz. Ein dauerhafter Konflikt bahnt sich an. Ein „schwieriger Mensch“ entsteht.

Warum dann nicht mal annehmen, dass die Ursachenumkehrung stimmt, nur mal spaßeshalber? Was hätte das für praktische Folgen?

  • Zunächst mal, dass Gerhard nicht mehr versuchen muss, seine Schwiegermutter zu ändern. Das ist in der Regel ein aussichtsloses Unterfangen.
  • Darüber hinaus kann er den Glauben an die Richtigkeit seiner Ursachenzuschreibung festhalten und sich zugleich probehalber für eine bestimmte Zeit anders verhalten.
  • Gerhard würde die Schwiegermutter einfach machen lassen, wie sie das denkt, ohne einen Hinweis auf die eigenen Erziehungsregeln

 

Ursachenumkehrung ist nicht nur ein Gedankenspiel – es hat ernsthafte Entscheidungs-Konsequenzen

Denn aus beiden Sätzen folgen ganz unterschiedliche Konsequenzen und Handlungen. Die Frage ist also nicht: Welche Kausalität ist richtig (denn beide sind in der Regel gleich „richtig“ oder gleich „falsch“), sondern welche ist wirksamer d.h. im Beispiel: Welche Ursachenzuschreibung führt zu Handlungen, die den Umgang mit der Schwiegermutter erleichtern.
 

Gerhard wird handlungsfähig

Gerhard glaubt nicht an solche Gedankenspielereien. Er ist fest davon überzeugt, dass er mit seiner Beurteilung der Schwiegermutter Recht hat. Nach langem Zögern lässt sich Gerhard dennoch versuchsweise auf die Kausalumkehrung ein:
Weil ich die Erziehungsregeln immer wieder einfordere, ignoriert die Schweigermutter die Regeln.
Das hat für ihn zur Folge, dass er für zwei Monate die Schwiegermutter den Umgang mit ihrem Enkelkind so machen lässt, wie sie es möchte. Daran hat er schwer zu kauen und muss sich in den nächsten Wochen häufiger auf die Zuge beißen, aber er hält durch.
Auf wundersame Weise beginnen sich die Verhaltensweisen ebenfalls umzukehren. Gerhard merkt, dass einige seiner Regeln doch etwas zu rigide waren… und die Schwiegermutter fragte neulich, wie sie das denn mit den Süßigkeiten für Rita am besten machen soll…

Ursachenumkehrungen wirken! Auch wenn man nicht daran glaubt, sondern ein anderes Verhalten probt.
 
 

Zusammenfassung: Praktisches Vorgehen

1. Ihren „schwierigen Menschen“ beschreiben,

  • warum er/sie so schwierig ist,
  • welche Schwierigkeiten das bewirkt,welche Motive und Einstellungen hinter seinem schwierigen Verhalten stehen,
  • wer die Schuld an den Schwierigkeiten trägt und wo sich der schwierige Mensch ändern muss, damit die Schwierigkeiten verschwinden.

2. Ursachen-Zuschreibung

Notieren Sie die Folge des „schwierigen Verhaltens“ der Person in Form eines „Kausalsatzes“ nach dem Muster:
Weil die „schwierige Person _____tut, tue ich_______ bzw. entsteht folgendes__________

3. Ursachen-Umkehrung

Formulieren Sie den vorherigen Satz so um, dass die Kausalitäten vertauscht werden:
Weil ich ______tue bzw. weil folgendes entsteht______, tut die „schwierige Person“____________

4. Einschätzung der Wirksamkeit

Schätzen Sie ein

  • welche Kausalität und die daraus folgende Handlungsalternative Sie in eine Opferrolle drängen, weil sie vom guten Willen des „schwierigen“ Menschen abhängen und
  • welche Handlungsalternativen leichter umgesetzt werden können, weil Sie sie selbst angehen und beeinflussen können.

5. Auswahl und konsequentes Umsetzen des alternativen Verhaltens

  • Welches veränderte Handeln folgt aus der Ursachen-Umkehrung für Sie?
  • Wie wollen Sie das in den nächsten 4 Wochen probehalber konsequent umsetzen?

 

Sind Sie bereit zur Ursachenumkehrung?

 
 
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Das Titelbild ist ein Foto von to-fo /photocase.com und zeigt keine im Artikel erwähnte Person.
 
 

Ein Gedanke zu „Umgang mit einem schwierigen Menschen – Wie soll ich mich entscheiden?“

  1. Das leuchtet mir ein: warum nicht einmal diesen Weg versuchen. wenn es nicht funktioniert, muss ich eben etwas anderes ausprobieren!

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