Ich kann mich doch wegen der Kinder nicht trennen?!

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In vielen Partner-Beziehungen schwelen Konflikte über Monate und Jahre, ohne dass eine Entscheidung getroffen wird. „Ich kann mich doch wegen der Kinder nicht trennen!“

Einerseits

Es ist eine sehr wertvolle Sache, wenn ein Paar, das sich auseinander gelebt hat, wegen der Kinder versucht, ein gemeinsames Zuhause zu erhalten solange es geht. Viele Paare sind bereit, aus Liebe zu ihren Kindern in der Partnerschaft auf vieles zu verzichten. „Wenn die Kinder nicht wären, wären wir längst auseinander“ ist dann eine oft gehörte Aussage. Dies kann für eine bestimmte Zeit gelingen– und Gelingen heißt hier, dass alle Familienmitglieder ein Arrangement finden, mit dem sie einigermaßen leben können. Wer Freude an seinen Kindern hat und ohne Groll und Bitterkeit sein eigenes Glück für einige Jahre zurücksteckt, kann darin auch Glück empfinden, selbst wenn die Partnerschaft frustrierend ist und Wünsche nach Nähe und Verständnis (in der Regel auch nach Sex) für einen wichtigen Lebensabschnitt unerfüllt bleiben.

Zwei Alarmzeichen

Über einen längeren Zeitraum gelingt das beschriebene Arrangement jedoch sehr selten. Dafür gibt es zwei deutliche Alarmzeichen, die darauf hinweisen, dass es so nicht weiter gehen kann.

1. Die Kinder werden unruhig und bekommen Angst, wenn sich die Eltern wieder streiten oder eisig aneinander vorbeileben. In ihrem einfachen Denken glauben sie, dass sie Schuld an den Auseinandersetzungen der Eltern sind. Sie werden unsicher und leben in Angst, dass sie für den Streit der Eltern verantwortlich sind. Besonders kritisch wird es, wenn eines der Kinder verhaltensauffällig wird – in der Regel in dem Bereich, in dem die Eltern am meisten erschreckt werden können. Das Kind wird zum Symptomträger und spiegelt den Eltern deren eigene seelische Not wieder, die sie sich nicht eingestehen wollen oder können. Die Kinder durchschauen in der Regel intuitiv, ob nur noch eine Fassadenfamilie aufrechterhalten wird.

2. Eines oder beide Elternteile können die ambivalente Situation („eigentlich müsste ich mich trennen, kann es aber nicht“) nicht mehr leben. Sie erleben, was die Psychologie längst erforscht hat, dass nämlich Ambivalenz d.h. die Unfähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum zwischen zwei Alternativen zu entscheiden, einer der stärksten Auslöser von Stress ist. Es zeigen sich dann typische Stresssymptome wie Schlaflosigkeit, Unruhe, Erschöpfung, Lustlosigkeit, Burnout (Depression) und ausgeprägte Symptome in seiner / ihrer typischen Schwachstelle (Magen oder Darm oder Rücken, oder Blutdruck oder Migränen oder…)

Vier notwendige Schritte: Das Ambivalenzkonzept

Erfüllende Bindungen zu Menschen und/oder Situationen schaffen Zufriedenheit und minimieren auch bei hohen Anforderungen den Stress. Solche Bindung kann durch äußere oder innere Ereignisse und Veränderungen verloren gehen; es entstehen Zweifel und Unsicherheiten in Bezug auf die bestehende Bindung. Die Folge ist eine ambivalente Situation: das Bestehende ist unbefriedigend, Veränderungen werden aber nicht angegangen. Diese Situation schafft starken inneren Stress, der bald alle Bereiche überlagert. Solche ambivalenten Situationen werden von Menschen trotzdem wochen-, monate-, jahre- und jahrzehntelang aufrechterhalten. Notwendig wäre jedoch eine Entscheidung, sich von dieser unbefriedigenden Situation zu trennen. Eine solche Trennung ist häufig schmerzlich und mit Trauer verbunden. Das Vergangene muss erst einmal „verschmerzt“ werden. Dazu gehört auch das Anerkennen, dass in dem „Abgewählten“ auch viel Gutes, Wichtiges und Befriedigendes gewesen ist. Damit ist eine Basis geschaffen für eine neue Bindung, die sich dann fast „zwangsläufig“ einstellt.

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Spätestens wenn die beschriebenen Alarmsignale auftauchen, geht es mit dem „Mehr des Gleichen“ nicht mehr weiter. Es muss eine Entscheidung getroffen werden – gerade auch der Kinder wegen!

Bis zum bitteren Ende?

Jens und Hanne sind seit 12 Jahren zusammen und haben eine gemeinsame Tochter. Beide sind im Beruf sehr erfolgreich. Das Haus ist beinahe abbezahlt. Beide lieben ihre Tochter Jessica und unternehmen viel gemeinsam. Im Laufe der Jahre ist den beiden die Liebe abhanden gekommen. Der Streit über Kleinigkeiten eskaliert oft heftig. Beide fühlen sich vom Partner jeweils unverstanden. Die körperliche Nähe hört ganz auf. Um Jessicas willen versuchen sie, ein normales Familienleben zu leben. Vor allem tolle Urlaube und besondere Aktivitäten vertreiben oft den Schatten, der über beiden liegt. Mindesten einmal im Monat, wenn es wieder einen heftigen Streit gegeben hat, möchte Jens die Koffer packen. Er macht es dann doch nicht, weil er Angst davor hat, alles zu verlieren und Jessica zu schaden. „Wenn Jessica nicht wäre, wären wir längst getrennt“ – das denkt er oft. Diese Situation zieht sich über Jahre hin. Jens wird immer unglücklicher und es stellen sich seine typischen Rückenschmerzen ein, die er auch durch Kieser-Training und Yoga nicht wegbekommt.
Jens beginnt ein Coaching für sich, da Hanne auf keinen Fall eine Eheberatung in Anspruch nehmen will mit der Begründung: „Wenn du dich änderst, haben wir keine Probleme mehr“. Nach zwei Treffen wird deutlich, wie sehr Jens unter der Situation leidet und dass eine Entscheidung notwendig wäre. Er bricht die Gespräche daraufhin ab.
Kurz vor Ostern findet seine Sekretärin ihn im Büro auf dem Stuhl zusammengesunken – Kreislaufkollaps. In der Klinik werden die klassischen Symptome eines Burnouts diagnostiziert. Seit mehreren Wochen ist er jetzt in einer Spezialklinik und kommt langsam wieder auf die Beine…

 
 
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Titelbild ist ein Foto von suze / photocase.com und zeigt keine im Artikel erwähnte Personen
 
 

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